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Prof. Dr. Volker Weidemann (1924-2012)

Nachruf von Detlev Koester Weidemann

 

Am 14. März 2012 verstarb Prof. Dr. Volker Weidemann im Alter von 87 Jahren in Kiel. Bis zu seiner Emeritierung 1992 war er ordentlicher Professor für Astrophysik und Direktor am Institut für Theoretische Physik und Astrophysik der Christian-Albrechts-Universität. Auch nach seiner Emeritierung blieb er dem Institut verbunden und erschien bis vor wenigen Monaten regelmäßig in seinem Büro. Vor allem war ihm wichtig, die Kontakte zu seinen vielen Freunden weltweit zu halten.

Weidemann wurde am 3.Oktober 1924 geboren als Sohn des Oberstudienrates Dr. Carl Weidemann und seiner Frau Carla, geborene Clausen. Er besuchte die Schule in Kiel, wurde aber ein halbes Jahr vor dem regulären Abitur 1941 zur Marine einberufen. Das Kriegsende erlebte er in Norwegen. Nach der Rückkehr nach Kiel stellte sich die Frage nach dem zukünftigen Beruf: Es sollte ein Studium sein, aber wie für viele in dieser Generation war das  keine so einfache Entscheidung. Schon während der Schulzeit hatte Weidemann sich für Astronomie und den Sternenhimmel interessiert, und die Beschäftigung mit astronomischer Navigation in den dunklen norwegischen Nächten verstärkten dieses Interesse. Aber ebenso faszinierend fand er auch die Mathematik. Zunächst jedoch musste er 1946 in einem „Sonderlehrgang für Kriegsteilnehmer“ das Abitur nachholen, denn der bei der Einberufung erhaltene „vorläufige Reifevermerk” war nicht ausreichend für die Zulassung zum Studium. Ein erster Antrag auf Zulassung für Mathematik und Physik war wegen Überfüllung der Universität erfolglos. Er arbeitete daraufhin den Winter 1946/47 als Volontär am Geologischen Institut, denn ein Arbeitsnachweis war nötig zur Erlangung der Lebensmittelkarten.

Im Wintersemester 1947 konnte er dann das Studium beginnen. Zum Vordiplom wählte er Mathematik als Hauptfach, um die ungeliebte Chemie als drittes Fach zu umgehen. Stattdessen wählte er Astronomie – eine wichtige Vorentscheidung für die Zukunft, denn er beschloss, den Studienschwerpunkt mehr in diese Richtung zu verschieben. Ein Studiensemester im Winter 1949/50 in Freiburg bestärkte diesen Wunsch, als er dort Vorlesungen von Prof. Siedentopf besuchte und in der Bibliothek interessante astrophysikalische Lehrbücher entdeckte. Nach der Rückkehr nach Kiel schloss Weidemann jedoch das Mathematikstudium noch mit dem Diplom bei Prof. Weise ab, bevor er sich um eine Doktorarbeit bei Prof. Unsöld in der Astrophysik bemühte.

Im Juli 1954 wurde er mit „summa cum laude” promoviert; der Titel der Dissertation lautete „Metallhäufigkeiten, Druckschichtung und Stoßdämpfung in der Sonnenatmosphäre“. Unter den weiteren Schülern Unsölds in dieser Zeit waren Kurt Hunger, Karl-Heinz Böhm, Erika Vitense, Gerhard Traving, die alle später bekannte Namen in der Astrophysik wurden. Entgegen dem Rat Unsölds wollte Weidemann – nach der Heirat im Juni 1954 – endlich eine richtige bezahlte Stelle haben, die er an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig als Mitarbeiter in der Redaktion der „Physikalischen Berichte“ fand. Er war unter anderem zuständig für die Kurzreferate astrophysikalischer Artikel, was ihm ermöglichte, in dem Gebiet auf dem Laufenden zu bleiben. Entscheidend für Weidemanns weiteres Leben wurde eine Einladung von Prof. Greenstein, für das akademische Jahr 1957/1958 als Research Fellow nach Pasadena zu kommen.  Die PTB wollte ihn allerdings nur beurlauben, wenn eine Vertretung gefunden würde. Glücklicherweise konnte Weidemann seine Frau – ebenfalls Physikerin – dafür gewinnen!  

Pasadena war das Mekka der Astrophysiker, und Greenstein und seine Kollegen hatten Zugang zum Palomar-Teleskop, dem größten jener Zeit. Weidemann bekam den Auftrag, das Spektrum eines sogenannten „Weißen Zwerges“ namens van Maanen 2  mit den neuen Methoden, die Unsöld und seine Schüler in Kiel entwickelt hatten, zu analysieren. Es war die erste Analyse eines solchen Sterns, die wegen der sehr schwachen Lichtaustrahlung nur mit den größten Teleskopen beobachtet werden können – und der Beginn einer lebenslangen Beschäftigung mit diesen Objekten. Die wesentlichen Ergebnisse dieser Arbeit haben auch heute noch Bestand. In den letzten Jahren sind gerade Objekte wie van Maanen 2 wieder besonders aktuell geworden, weil es eine mögliche Verbindung zwischen den Elementen in ihrer Atmosphäre und der chemischen   Zusammensetzung von extrasolaren Planetensystemen gibt. Die Analyse der Sternatmosphäre war eine sehr anstrengende Rechenarbeit – mit Rechenschieber und Logarithmentafel!

Das Jahr in Pasadena und die vielen Bekanntschaften mit bedeutenden Astrophysikern der Zeit waren stark prägend. Nach der Rückkehr erhielt Weidemann ab 1960 neben der Arbeit an der PTB regelmäßig Lehraufträge für astrophysikalische Vorlesungen an der TH Braunschweig. Dort habilitierte er sich auch 1963; die Habilitationsschrift beruhte auf weiteren Analysen von Weißen Zwergen, die bei einem zweiten Aufenthalt bei Prof. Greenstein im WS 1961/62 entstanden waren.

Ein weiteres entscheidendes Ereignis war die Teilnahme am 1. „Texas Symposium on Relativistic Astrophysics“, die durch einen glücklichen Zufall möglich wurde. Weidemann schrieb einen ausführlichen Bericht darüber für die Zeitschrift „Naturwissenschaften“, und wurde daraufhin in den nächsten Jahren immer als offizieller „Reporter“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu den weiteren Folgen dieser historisch außerordentlich wichtigen Tagungen geschickt. Hieraus entwickelte sich Weidemanns Interesse an den neuen Fragen im Zusammenhang mit den Quasaren, Pulsaren, und ganz allgemein der Kosmologie.

1965 erreichte Weidemann der Ruf auf ein neu geschaffenes Extraordinat in Kiel, das er am 1. Oktober antrat. In den nächsten Jahren erhielt er Rufe nach Hamburg und Bochum, die er beide ablehnte. In dieser Zeit wurde auch sein Extraordinat in einen ordentlichen Lehrstuhl aufgewertet.

Beim Aufbau seiner Arbeitsgruppe und bei seiner konkreten wissenschaftlichen Arbeit der nächsten Jahrzehnte blieb der Schwerpunkt auf dem Gebiet der Weißen Zwerge, ihrer Vorläufer, der Planetarischen Nebel, und allgemeiner, der Endstadien der Entwicklung von Sternen. Seine Schüler ermutigte er, die immer mächtiger werdenden Computer für die großen numerischen Anforderungen bei der theoretischen Berechnung von Sternmodellen und Sternentwicklung zu nutzen. Die Anfänge dieser Entwicklung hatte Weidemann noch an der PTB selbst miterlebt und gestaltet. In seiner eigenen Arbeit hat er sich aber nie mit dem Programmieren und der numerischen Detailarbeit anfreunden können, das überließ er immer seinen Schülern. Seine Stärke war der  große Überblick über die Literatur und die Entwicklung der gesamten Astrophysik. Dabei half ihm sicher seine frühere Tätigkeit bei der PTB, wo er die Fähigkeit (weiter)entwickelt hatte, aus einem Artikel sehr schnell den wesentlichen Inhalt zu extrahieren und auch im Kopf zu behalten (oder auch zu kopieren – sein Schreibtisch und diverse andere Tische in seinem Büro waren normalerweise unter den Stapeln von Kopien unsichtbar). Mit dieser großen Literaturübersicht und ihrer Verarbeitung gelang es ihm immer wieder, Ergebnisse vieler Arbeiten zusammenzuführen und daraus neue Erkenntnisse herzuleiten - oder auch neue Aufgaben an seine Schüler zu verteilen. Ein herausragendes Thema aus diesen Jahren, das er immer wieder persönlich aufgriff und weiterentwickelte, war die Beziehung zwischen den Massen der Sterne bei ihrer Entstehung und derjenigen im Endstadium, dem Weißen Zwerg. Indirekt ist damit auch die Bestimmung der insgesamt während der Entwicklung verlorenen und wieder in den Weltraum zurückgeflossenen Masse bestimmt. Diese Arbeiten werden noch heute häufig zitiert und sind mit dem Namen Weidemann verbunden.

Volker Weidemann ist weltweit jedem bekannt, der sich mit den Endstadien von Sternen und verwandten Gebieten beschäftigt. Das liegt einmal an den Ergebnissen seiner Kieler Arbeitsgruppe (und vielen ehemaligen Kielern an anderen Orten), aber ganz besonders auch an den  „European Workshops on White Dwarfs“. Das ist eine Serie von alle zwei Jahre stattfindenden Tagungen zu diesem Thema, die von Weidemann 1974 in Kiel begründet wurde, und die sich heute zu den wichtigsten Tagungen auf diesem Gebiet entwickelt haben. 1984, 1994 und 2004 fand sie ebenfalls wieder in Kiel statt, dazwischen an vielen Orten in Europa, in Israel und den USA.

Wegen seiner vielseitigen Kenntnisse war Weidemann auch ein gesuchter Autor von zusammenfassenden Übersichtsartikeln. Sein Lesen, Studieren und Nachdenken beschränkte sich nicht auf die Sterne, sondern schloss als weiteres Hauptinteressengebiet die Themen der Texas-Konferenzen ein. Auch wenn es nicht zu Originalarbeiten auf diesen Gebieten kam, floss sein umfassendes Wissen in zahlreiche populäre Aufsätze und viele Vorträge in ganz Deutschland. So hat er ganz wesentlich zur Verbreitung dieser neuen Ergebnisse beigetragen. Seine Verdienste um die Wissenschaft und ihre Verbreitung brachten ihm Anerkennung und die Mitgliedschaften in der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, sowie der Akademie der Wissenschaften in Hamburg. Diese Mitgliedschaften bedeuteten ihm viel.

Auch in seinen außerordentlich guten Vorlesungen machten sich diese Interessen bemerkbar. Die beiden letzten Teile seines viersemestrigen Zyklus beschäftigten sich mit Allgemeiner Relativitätstheorie und Kosmologie. Gerade dieses letzte Thema hat ihn zeitlebens fasziniert, was auch mit seinem tiefen christlichen Glauben zusammenhing. Er kannte die gesamte Entwicklung der physikalischen Theorie und der Beobachtungen, die ja gerade in den letzten Jahrzehnten so beeindruckende Fortschritte gemacht hat. Aber mindestens ebenso beschäftigten ihn die philosophischen und religiösen Aspekte der Fragen nach dem Ursprung und Sinn des Universums. Für ihn bestand kein Widerspruch darin, gläubig und Wissenschaftler zu sein. Die Fragen wurden ihm sicher oft gestellt; in einem Zeitungsinterview hat er einmal gesagt, dass er in der Wissenschaft Atheist sei. „Die wissenschaftliche Methode ist schließlich per definitionem eine atheistische: beweisen statt glauben“. Doch der wissenschaftliche Atheist ist auch Christ, und zwar immer dann, wenn er Phänomene erkennt, die einen Plan hinter dem kosmischen Gebilde vermuten lassen. Mit diesen Fragen hat er sich nicht nur privat beschäftigt, sondern in vielen Vorträgen, Veröffentlichungen und in gemeinsamen Seminaren mit Kollegen in der Philosophie.

Sein Glauben führte ihn auch zu persönlichem Engagement in seiner Kirchengemeinde und zur jahrelangen Teilname an den sogenannten „Professorenpredigten“. Dies ist eine jährlich stattfindende Reihe von Predigten von Professoren der Universität Kiel in der „Waldkapelle zum Ewigen Troste“, einer winzigen Kapelle mitten in den Feldern in der Umgebung von Kiel. Von 1978 bis 2009 beteiligte er sich regelmäßig, und als sein Alter ihn zwang, darauf zu verzichten, bedauerte er das zutiefst. Die Predigtsammlung 2009 ist Weidemann gewidmet und beschreibt im Vorwort in seinen eigenen Worten seine Überzeugung, die sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben zieht: „wenn auch die nüchterne wissenschaftliche Betrachtung des Evolutionsgeschehens kein Ziel und keinen Zweck und auch keinen göttlichen Plan erkennen lässt, so dass das Leben sinnlos und auf das Hier und Jetzt beschränkt erscheint, so öffnet doch die Offenbarung in Christus einen viel weiteren Horizont, so dass sie zur Frohen Botschaft, zum Evangelium wird. Aus ihm mögen wir immer wieder Kraft, Lebensmut und Freude erfahren und uns in unserer Vergänglichkeit geborgen wissen!“